Sonntag, 8. Februar 2015

Zur Verfassungswidrigkeit des Arbeitsbegriffes in Hartz IV


Liebe Freunde
in Kürze werde ich alle meine Klagen vor den verschiedenen Kammern des Sozialgerichtes um nachstehenden Punkt erweitern.  - Ein Freund sagte, durch diesen Text könnte das Grundeinkommen direkt aus dem Grundgesetz (Artikel 2, Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit) abgeleitet werden ...

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Werden der  ARBEITSBEGRIFFden das Jobcenter vorlegt,
und die Definition des "Interesses der Allgemeinheit",
an dem das Jobcenter den Wert der Arbeit bemisst,
-
dem  Wesen  der Arbeit
-
ihrem  wahren Nutzen  für die Gesellschaft
-
und  der Achtung und dem Schutz der Menschenwürde (Art. 1 GG)
gerecht?
 
 
 
Der Arbeitsbegriff muss der Wirklichkeit entnommen sein und muss in die Wirklichkeit passen
Ein nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmender Arbeitsbegriff erzeugt Unrecht, wenn er in Gesetz gegossen wird.
[1]
 
Der Arbeitsbegriff in SGB II verbindet unmittelbar Arbeit und Einkommen und gesteht nur derjenigen Arbeit gesellschaftliche Relevanz zu, die auch "entlohnt" werden kann. [2]
Der Inhalt der Arbeit wird dabei ausgeblendet.
 
Es liegen dem zwei fundamentale Fehler zu Grunde. Der eine ist sachlicher, der andere verfassungs-rechtlicher Natur.
 
 
A: Der sachliche Fehler:
 
1.) Arbeit ist mehr als Geldverdienen!
 
Durch seine Arbeit bestimmt der Mensch sein Verhältnis zur Welt und betreibt die Entfaltung seiner Fähigkeiten und seines Wesens.
 
Als Arbeit im vollmenschlichen Sinne ist jede Tätigkeit zu betrachten, die ihn und die Welt bildet und weiter bringt – unabhängig davon, ob sie sich innerlich [3] oder äußerlich vollzieht und unabhängig davon, ob sie einen Gelderwerb ermöglicht oder nicht [4].
 
Da die Arbeit ein Haupt-Gebiet der Persönlichkeitsentfaltung ist, muss das Recht auf Selbstbestimmung besonders auf dem Gebiet der Arbeit gelten.
 
2.) Arbeit, die um bloßen Verdienst geleistet wird und den Inhalt der Arbeit ausblendet, ist durch Selbstsucht geprägt und widerspricht den wirklichen "gesellschaftlichen Interessen" oder den "Interessen der Allgemeinheit", welche zu vertreten von der Seite der Jobcenter immer vorgegeben wird.
 
In einer arbeitsteiligen Gesellschaft steht nicht mehr die "Selbstversorgung", sondern der Dienst am Anderen / an der Gesellschaft / an der Welt im Vordergrund der Arbeit.
 
"Gesellschaftliche Relevanz", "Sinn" und "Wert" einer Arbeit zeigen sich in einer arbeitsteiligen Gesellschaft nicht daran, ob und wie viel man damit Geld verdient (Selbstversorgung), sondern daran, ob unter ihrem Einfluss sich die Welt verbessert und erblüht (Fremdversorgung).  
 
Außerdem ist eine einseitig an den Verdienst gekoppelte Arbeit durch die Bedrohung mit dem Entzug von Einkommen oder des Einkommensplatzes bei fehlendem "Wohl-verhalten" korrumpierbar.
 
3.) Arbeit, die unter Androhung von Sanktionen aufgezwungen ist, ertötet den inneren Menschen und beraubt die Gesellschaft der Kraft  und Initiative des Individuums.
Sie ist menschenverachtend und widerspricht den wirklichen Interessen der Gesellschaft.
 
 
B: Das verfassungsrechtliche Problem:
 
Bei der großen Bedeutung die die Arbeit für die Entfaltung der Persönlichkeit hat, muss Arbeit vollständig im Bereich der Selbstbestimmung liegen!
 
Sie darf nur denjenigen Einschränkungen unterliegen, die in der Natur der Sache und in der Natur der verschiedenen Kompetenzen und der Zusammenarbeit der Menschen untereinander haben.
 
Die Menschenwürde und das Recht auf Selbstbestimmung bzw. die freie Entfaltung der Persönlichkeit sind in erheblichem Masse eingeschränkt, wenn der Mensch zur Arbeit gezwungen wird, in einem Gebiete arbeiten muss, das ihn nichts angeht, oder nicht in einer seinem Wesen oder seiner Einsicht (Weltsicht) angemessenen Weise arbeiten darf.
 
Durch die scharfen Sanktionen und Zumutbarkeitsregeln in SGB II wird der Mensch jeder Möglichkeit zur Selbstbestimmung und zu von ihm selbst als sinnvoll empfundener Arbeit beraubt. Seine Würde wird nicht geachtet und geschützt, sondern er wird dem Arbeitsmarkt unterworfen, damit seine Arbeitskraft zum Wohl von Staat und Wirtschaft abgeschöpft werden kann. Außerdem werden durch die Zumutbarkeitsregeln seine Arbeitsbiographie entwertet und seine Qualifikationen dauerhaft gelöscht.
 
Das Argument, die Betroffenen könnten ja wo anders arbeiten gehen und würden nicht in den Niedriglohnsektor, in sinnfreie Beschäftigungsmaßnahmen usf. gezwungen, gilt hier nicht, weil gerade durch Hartz IV oft die "normalen Stellen" fehlen, der normale Arbeitsmarkt bewusst ausgedünnt und durch Niedriglohnarbeit ersetzt worden ist. Die Stellen, auf die so verwiesen wird, sind in der Realität nicht mehr da.
Der Unterwerfung ist so nicht auszuweichen.
 
Der Staat fördert durch Hartz  IV den Niedriglohnsektor und die "Flexibilisierung" des Arbeitsmarktes – und die Sanktionen sind das entscheidende Mittel, die Menschen zur Aufnahme von Arbeiten zu bewegen, ja zu nötigen, die ihren eigentlichen Bedürfnissen widersprechen. Würden die angebotenen Arbeitsverhältnisse den Bedürfnissen der Menschen entsprechen, könnten die Sanktionen entfallen.
 
Der dem SGB II unterlegte Arbeitsbegriff und der Begriff vom "Interesse der Allgemeinheit", dem sich das "persönliche Interesse" der Betroffenen zu fügen habe,  haben weniger den Menschen, sein Wohl und seine Würde als vor allem die Interessen der vorherrschenden Staats- und Wirtschaftsorganisation und das Interesse des Staatshaushaltes selbst (Generierung von Steuern) im Blick.
 
Menschen, die die wirklichen Erfordernisse der Welt erleben und ihnen entsprechen möchten, deren Arbeit sich nicht aufs Geldverdienen sondern direkt auf den Inhalt der Arbeit selbst bezieht, werden durch den Arbeitsbegriff des Jobcenters und durch die an diesen Arbeitsbegriff geknüpften sog. "Förderungen" und Sanktionen diskriminiert.
 
 
 
Hohes Gericht –
der Weg zur Befreiung der menschlichen Sexualität von gesellschaftlicher und politischer Bevormundung ist schon weit gegangen. Man denke nur an die mutigen Urteile aus Karlruhe für den Bereich der Homosexualität aus letzter Zeit.
Jetzt steht, im Namen der Menschenwürde und der freien Entfaltung der Persönlichkeit, auch eine Befreiung der menschlichen Arbeit von solcher Bevormundung an.
 

 
Berlin, den 06.02.2015Ralph Boes
 
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[1] Was hier nur für den Arbeitsbegriff  gesagt ist, träfe natürlich für alle Begriffe der Gesetzgebung zu.  
[2] Der Widerspruch tritt auf, dass das Hüten eigener Kinder nicht als Arbeit angesehen wird – das Hüten fremder Kinder aber schon – nur, weil mit letzterem Geld verdient werden kann.
[3] Lernen, Studieren, Meditation, therapeutische Arbeit an sich selbst, das Denken der Mutter über die Erziehung der Kinder, Planen, sich orientieren und neu bestimmen etc. sind etwa innerlich vollzogene Arbeiten.
[4] Kindererziehung, Familienarbeit, Nachbarschaftshilfe, Nothilfe und ehrenamtliche Arbeit in jeder denkbaren Form, Umweltschutz, Kunst, die Arbeit der Beamten (Beamte arbeiten bekanntlich nicht für Geld! Sie erhalten eine Alimentation, die sie der Not des Geldverdienen-Müssens entheben soll, so dass sie unbeeinflusst von Geldsorgen tun können, was das Gesetz verlangt.) usw. usf. sind alles notwendige Arbeiten, die aus dem Arbeitsbegriff des Jobcenters herausfallen.
 
 

Kommentare:

  1. Ein kleiner Zwischenkommentar zum Durchatmen:

    "Allhier liegt der tapfre Degen,

    Der, zum äußersten geführet

    Von dem Mute, so verwegen,

    Daß ob ihm nicht triumphieret

    Selbst der Tod mit seinen Schlägen.


    Gegen alle Welt so herrisch,

    Wie ein Popanz wild und störrisch

    Allen, ging in den Geleisen,

    Daß es wohl von ihm kann heißen,

    Er starb klug und lebte närrisch."

    (Cervantes, Don Quixote)

    Viel Kraft
    Marcus



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    1. Zur Entspannung:

      "Unbefleckte Empfängnis" sozusagen...

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  2. Die beiden Texte zum Arbeitbegriff (sachlich / verfassungsrechtlich) vom 05.02.15 finde ich nicht unproblematisch. Inhaltlich kann man sich da sicher anschließen - auch wenn der propagierte Arbeitsbegriff in Widerspruch zum globalen Wirtschaftssystem steht.

    Der Stil ist aber teilweise etwas seltsam. Bsp:

    "im vollmenschlichen Sinne"
    "ertötet den inneren Menschen"
    "in einem Gebiete arbeiten"

    Diese Stilblüten hören sich an wie aus der Hochphase der Romantik, und wären in einem Poesiealbum sicher gut aufgehoben.

    Auch bezweifle ich, dass Richter damit etwas anfangen können. Ich vermute, dass die Damen und Herren ihr Augenmerk ausschließlich auf die Buchstaben der Gesetzestexte richten, und eher genervt sind wenn man poetische oder philosophische Erwägungen an sie heranträgt.

    Eventuell fühlen sie sich sogar missbraucht, da der Text öffentlich ist, und sie den Eindruck haben, dass ihre juristische Arbeit als Mittel zur politischen Agitation zweckentfremdet wird.

    Interessant finde ich den Vergleich zwischen Homosexualität und Arbeitslosigkeit. Was würden Leute wie Westerwelle wohl sagen, wenn sie wegen ihrer Sexualität so diskriminiert würden wie Arbeitslose in Jobcentern und Medien.

    Analog müssten Homosexuelle sich dann in "Popcentern" ein "Kopulationshemmnis" unterstellen, und durch Bestrafung (Sanktionen) ihr inkompatibles Verhalten korrigieren lassen.

    Allerdings muss man bedenken, dass Homosexualität eine Normabweichung ist, also eine (ganz wertfrei) statistische Abweichung von der Norm.

    Der von Herrn Boes postulierte Arbeitsbegriff scheint mir dagegen ein inneres Bedürfnis JEDES Menschen, während der Arbeitsbegriff, wie er in den "Jobcentern" herbeisanktioniert wird, deutliche Züge einer Perversion trägt.

    Insofern kann man Arbeitsbegriff und sexuelle Orientierungen nur eingeschränkt miteinander vergleichen.

    Passender wäre vielleicht der Vergleich zwischen Zwangsarbeit und Zwangsprostitution. Was dabei deutlich wird, ist die Rolle der "Jobcenter" als Zuhälter, die Arbeitslose erst unter Gewaltandrohung willig machen, um sie dann den Arbeitskraftnehmern zuzuführen, bzw. an Zwischenhändler weiterzureichen. (Leihzuhälter)

    Beide Phänomene nutzen wirtschaftliche Notlagen und Machtverhältnisse aus, um sehr persönliche Bedürfnisse und Befähigungen des Menschen auszubeuten und zu pervertieren: Sexualität und Arbeit.

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    1. Zum Thema des Stils vermag ich nichts zu sagen. Wer es besser kann, soll es besser machen.
      Zu den Vergleichen: Da ist etwas schrecklich missverstanden worden: Ich vergleiche nicht Homosexualität mit Arbeitslosigkeit. - Es geht um die Selbstbestimmung! Auf dem Gebiet der Sexualität schützt der Gesetzgeber inzwischen die Selbstbestimmung - auf dem Gebiet der Arbeit nicht! Alles weitere, was hier gesagt wird, kommt nicht von mir - und ist bedenklich

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    2. "... Alles weitere [...] ist bedenklich"

      Zu deinen Bedenken musst du schon konkreter werden, sonst kann man da nichts mit anfangen.

      Und: "Schrecklich missverstanden" ist wohl etwas übertrieben. Aber gut, dass du es nochmal präzisiert hast.

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    3. Na ja, diese sog. "Sexualnorm" übrigens wollen die Schwulen u. -Lesbenverbände ja mittlerweile in den allgemeinbildenden Schulen durch gewisse erweiterte Sexualkundeunterrichte ab erziehen (lese nach bei z.B. www.familien-schutz.de oder www.besorgte-eltern.net).
      Für die Schwul-Lesbenverbände ist Norm ja nur eine Definitionssache oder ein rein gesellschaftlicher Konsens.

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  3. Lieber Ralph,

    wer bestimmt denn was im "INTERESSE DER ALLGEMEINHEIT" ist? Das sind ja die Politiker...

    „Betrachtet man alle Teilnehmer an Ein-Euro-Jobs, lässt sich im Durchschnitt kein verbessertes Gefühl gesellschaftlicher Zugehörigkeit durch die Teilnahme feststellen. Eine Steigerung des sozialen Integrationsempfindens kann jedoch bei Teilnehmern beobachtet werden, die angeben, die Arbeitsgelegenheit freiwillig, das heißt nicht bloß aus Angst vor finanziellen Sanktionen, aufgenommen zu haben“, so eine neue Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

    Das sagt doch schon alles darüber aus, dass Angst immer kontraproduktiv ist. Arbeit und Entlohnung hängen schon zusammen d.h. eine gerechte Entlohnung ist sehr wichtig für die Würde eines Menschen. Aber gleichzeitig ist Arbeit mehr als Geld verdienen, ehrenamtlich Arbeit etc.

    Arbeit und die Angst durch Sanktionen passen jedenfalls nicht zusammen.

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    1. @Anonym12. Februar 2015 um 12:48
      zitat: "wer bestimmt denn was im "INTERESSE DER ALLGEMEINHEIT" ist? Das sind ja die Politiker..."
      Das dürfte so nicht stimmen, denn die Politiker entziehen sich ja gerade immer ihrer Verantwortung. Sie sagen eben nicht, dies oder jenes ist im Interesse der Allgemeinheit, sondern sie sagen: Die Allgemeinheit fordert (Imaginäre Behauptung) irgend etwas und was sie "fordert" setzen sie (Politiker) dann nur um. Sie haben keine Schuld und können nichts dafür, wenn es nicht gutes ist.
      Allgemeinheit wird hier eben nur zu einer Behauptung, zu einem imaginären Forderer.
      Wenn die Bürger wirklich einmal etwas fordern (zb keine sinnlosen Großen Bahnhöfe), wird deren Forderung (Allgemeinheit) aber dann auch nicht entsprochen.

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  4. ... ach so schön war's o na nie !!!!

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  5. Wenn ich mir das recht überlege, gibt es eigentlich nirgends einen "Arbeitsbegriff", weder beim Jobcenter, noch bei der Politik. Über Jahrhunderte wurde den Menschen nur eingetrichtert (sogar den Politikern, aber die haben ja nicht mal in ihren sinne jemals gearbeitet) und dann weitergegeben, das man "Arbeiten MUSS", also: das ist eben so, weil es so ist (würde man einem Kind erklären). Arbeiten wird kurz eine Tätigkeit bezeichnet, wo man eben irgendwo hingeht und arbeitet um Geld zu verdienen, weil man das Geld ja braucht um überteuerte Wuchermieten, überteuerte Nahrung, Zwangsgebühren, Zwangssteuern, die eigene Überwachung, das Luxusleben der Politiker und Eliten und Blödsinn jeder art usw, zu bezahlen. Dafür bekommt man "Gesellschaftliche Anerkennung" und einen freudigen Schulterklaps der Politiker. Also, dafür das man kaum Geld bekommt, sich durchs Leben unter Zukunftsangst quält, aber von früh bis spät irgendwo was "arbeitet", am Abend dann kaputt, geschafft und genervt ist....wird als "Arbeit" im allgemeinen sinne verstanden. Das soll sehr "Nobel" und für jeden "erstrebenswert" sein. Warum, weswegen, weiß keiner, nicht einmal die weisen Politiker, die erzählen auch nur, das ist eben so, weil es so ist: Arbeit scheint der aufgezwungene "sinn" des Lebens ansich zu sein. Das ist es was seit Jahrhunderten von Jahren gepredigt wurde, ohne eine genaue Erklärung, aber mit immer dergleichen "Logik". Jobcenter reagieren darauf besonders allergisch, da Arbeit immer was "gutes" ist, wobei es auch weniger oder gar nicht um Geld zu gehen hat und man eben arbeiten MUSS, weil man das muss, auch für ganz wenig oder gar kein Geld. Arbeit ist Gott. Arbeit ist Alles. Das Wort: Arbeit, ist heilig, ist: unantastbar. Es darf keine Diskussion geben, nichts infrage gestellt werden. Jeder Gedanke daran ist strafbar und verwerflich und wird mit Strafen, auch bis zum Tode beantwortet. Arbeit über alles! über alles auf der Welt!
    Arbeit, ge-heil-igt sei Dein Name!
    Aber ich schweife ab:
    WAS ist jetzt also der Arbeitsbegriff?

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    1. "WAS ist jetzt also der Arbeitsbegriff?"
      Genau die (Un-)Idee, die du gerade entwickelt hast!
      Oder?

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    2. Arbeit ist im Grunde genommen Leistung x Zeit.
      Und Leistung ist eine Energieladung in einem Spannungsverhältnis.

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  6. Hier wird die Frage gestellt, was „der Arbeitsbegriff“ sei?
    M. E. hat Karl Marx diese Frage bereits beantwortet: als „Einsicht in die Notwendigkeit“.
    Sein Begriff dafür heißt allerdings nicht „Arbeit“, sondern „Freiheit“.

    Da ich mich selbstverständlich davor hüten will, den Bogen allzu weit zu spannen, führe ich als ein Beispiel dafür an:

    In Frankreich wurde es den Kleinbauern VERBOTEN, Brennnesseln zu Jauche vergären zu lassen und diesen Sud zu verwenden (= als seit Jahrhunderten bekannte Alternative zu den chemisch fabrizierten Pestiziden, die die Lebewesen schädigen und die Böden unfruchtbar machen).
    Die französischen Kleinbauern setzen sich über das staatlich verhängte VERBOT hinweg – und nehmen sich also die Freiheit, ihre schwere Arbeit so zu verrichten, wie sie es für richtig erachten; aus Einsicht in die Notwendigkeit.

    (siehe Video via „you tube“: „Brennnessel, die ungeliebte Pflanze“)

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    1. … Wer sich allerdings, aus dem „Klub der Söhne“, ernsthaft einen Begriff von „Arbeit“ machen will, dem kann ich nur dringend empfehlen, sich mal den Film „Metropolis“ von Fritz Lang (1927) zu Gemüte zu führen.

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    2. M. E. hat Karl Marx diese Frage bereits beantwortet: als „Einsicht in die Notwendigkeit“. Sein Begriff dafür heißt allerdings nicht „Arbeit“, sondern „Freiheit“.

      Das kommt nicht von Marx, sondern von Engels (bzw. Hegel). Um es einzuordnen, muss man den gesellschaftlichen Hintergrund betrachten. Engels stammt aus dem Bürgertum des 19. Jahrhunderts. Die Erziehungsmethode der Epoche trägt deutliche Züge der Schwarzen Pädagogik. Kinder hatten zu gehorchen, sich unterzuordnen. Was "notwendig" war, bestimmten die Eltern. Der selbständige Wille des Kindes galt als unerwünscht und musste gebrochen werden.

      Als erfolgreiche Erziehung galt, wenn das Kind eigenen Willen und Bedürfnisse unterdrückt, leugnet und abspaltet. Abspaltung bedeutet hier: Sie verschwinden aus dem Bewusstsein. Zwar sind sie noch vorhanden, erzeugen aber nur neurotische Symptome, statt Lebendigkeit und Individualität. Der so erzeugte Untertanengeist - gerade in Deutschland - ist sprichwörtlich.

      "Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit", ist die treffende und kompakte Umschreibung der Persönlichkeitsdeformation, die diese Erziehungsmethode hervorbringt. Was notwendig ist, bestimmen Macht und Autorität. Die Folgen dieser Abrichtung kann man auch heute noch, insbesondere im konservativen Spektrum der Gesellschaft bewundern.

      Freier Wille und eigenständige Sicht auf die Welt sind nicht gewollt. Unterordnung wird gefordert und in Verklärung als Freiheit umdefiniert. Psychologen würden das als Reaktionsbildung, Stockholm-Syndrom oder Identitätsaufgabe in Doppelbindungen bezeichnen.



      de.wikipedia.org/wiki/Doppelbindungstheorie#Transaktionsebenen

      de.wikipedia.org/wiki/Stockholm-Syndrom

      de.wikipedia.org/wiki/Reaktionsbildung

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    3. @Anonym20. Februar 2015 um 21:13
      Sicher hat Marx das damals definiert....allerdings ist die Zeit weitergegangen. Ich meine sein Grundtenor ist richtig und wichtig, aberer war eben nur die erste Person, die sich erstmalig damit beschäftigt hat. Wenn er von Arbeit sprach, dann die Vorstellung von Arbeit in seiner Zeit, nicht mit der Fortgeschrittenen Industrialisierung. Andererseits könnte man Marx dann kritisieren, warum er denn dann selber aber bei aller Weisheit nicht mehr arbeiten gegangen ist, seine Kinder nicht mehr ernährt hat, oder konnte und diese dann starben? (weiß gerade nicht genau ob es "nur" eines seiner Kinder war, möchte jetzt nicht googlen).
      Marx oder das Manifest ist der Ausgangspunkt, doch alles hat sich inzwischen weiterentwickelt, selbst ansichten der Kommunisten oder Sozialisten. Ewig an der selben stelle stehenbleiben, würde selbst Marx nicht wollen. Seine ansicht des Arbeitsbegriffes ist daher auch längst überholt. In der Geschichte der Menschheit wurde der Arbeits begriff verdreht, während die Arbeit nur für einen Teil der Gesellschaft galt (siehe extra Text ganz unten, kopiert aus dem Internet). Über Einsicht der Notwendigkeit ließe sich ohnehin fachsimpeln und würde eben auch zu der Idee des Grundeinkommens, der FREI gewählten Arbeitsstelle usw führen....und da sind wir gerade.

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    4. ÜBER ARBEIT Teil 1:

      Arbeit wird im modernen Verständnis auf Erwerbsarbeit reduziert und ihr Gegenstück: Freizeit, vielfach auf Konsum. „Freizeit ist Konsumzeit“, das sagten schon Jugendliche in den achtziger Jahren, wenn man ihrem Lebensverständnis auf den Grund gehen wollte.

      Mit der Erwerbsarbeit verdient man sich das Geld, das man für die Lebens-Mittel, für die Mittel des Existenzerhalts, also des persönlichen Überlebens, ausgeben muß. Und die Menschen werden in unseren zeitgenössischen Lebens- und Wirtschaftssystemen kurz gehalten: für die große Mehrheit ist Geld recht knapp und mittlerweile sind die Möglichkeiten, Geld zu verdienen auch knapp geworden. Man muß flexibel sein und gut „funktionieren“, um in diesem Hamsterrad zu bleiben oder überhaupt erst hineinkommen zu können.

      Vermeidung von Arbeit und Mühsal

      Es ist eine Art kollektiver Identifikation mit dem Aggressor, die sich – in Hinblick auf Erwerbsarbeit und Konsum – über das Denken der westlichen Gesellschaften gelegt hat.

      Noch in der älteren Geschichte der Menschheit war Arbeit und das schnöde Geldverdienen durch Handel (und Geldverleih) verachtet und von jenen Menschen, die sich als frei verstanden, gemieden. Nicht nur die alten Griechen dachten so, sondern auch im europäischen Mittelalter war das ein grundsätzliches Verständnis; Arbeit heißt etymologisch: arm, Mühsal, Last. Wo es möglich war, etwa beim Adel oder beim Klerus, wurde Arbeit vermieden. Die Strafe und Last der Arbeit wurde den Mehrheiten aufgebürdet. Diese Ausbeutung abzuschütteln, die Unmündigkeit und Sklaverei zu überwinden, das wurde erst in den Bauernkriegen, mit dem ausgehenden Mittelalter versucht.

      Arbeit wird veredelt

      Ungefähr zu dieser Zeit entwickelte sich auch der idealisierende Charakter von Erwerbsarbeit. Mit der spätmittelalterlichen Stadt, den Handwerkern, dem Zunftwesen, dem Fernhandel bekommt Arbeit ein neues, sie veredelndes Attribut: gute Arbeit wird anerkannt, was dadurch verstärkt wird, da sich damit Geld verdienen läßt. Geld wiederum bedeutet Ansehen und Macht. Diese Wende im Verständnis bringt auch ein neues Zeitregime in die Welt: Uhren bestimmen jetzt den Tagesablauf immer mehr. Allerdings waren das damals noch gemütliche Zeiten. Wahrscheinlich angenehmer als heute, denn es existierten weitaus mehr Feiertage, Wohnort und Arbeitsort fielen zusammen und eine Trennung von Arbeitszeit und sozialen Aktivitäten (Freizeit) gab es so nicht.

      Industrialisierung – die dunkle Seite

      Erst die Industrialisierung – und die ist die große, dunkle Seite der Aufklärung – verschärft das Zeit- und Arbeitsregime und die Lebensverhältnisse der Mehrheiten. Jetzt kommt es zu den jahrzehntelangen Exzessen der 72-Stunden und mehr Arbeitswoche ohne Urlaub, der industriellen Kinderarbeit und der Erwerbsarbeit für alle Frauen. Abgesehen von Aristokratie und Bürgertum, sind im Kapitalismus alle dem Arbeitsregime unterworfen. Erst nach vielen Jahrzehnten werden die nichtaristokratischen und nichtbürgerlichen Kinder aus der Arbeitssklaverei befreit. Wo immer es geht, versuchen Arbeiterfrauen Hausfrau zu werden und mit hauswirtschaftlichen Fertigkeiten zu den Lebens-Mitteln eines Haushalts beizutragen. Das galt damals, Anfang des 20. Jahrhunderts, als fortschrittlich und war die einzige Möglichkeit, dem Erwerbsarbeitszwang zu entkommen.

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    5. ARBEIT Teil2:
      Arbeit soll Plicht und Recht sein
      Im England des 16. Jahrhunderts gab es für Vagabunden („Arbeitsscheue“), wenn sie erwischt wurden, beim ersten Mal den Pranger, beim zweiten Mal den Strick. In Kontinentaleuropa war es für „Herumtreiber“ vielleicht nicht tödlich, aber Arbeit war gesellschaftliche und religiöse Verpflichtung. Auch im kapitalistischen Verständnis steht diese Arbeitspflicht für Alle, ausgenommen für Reiche, im Zentrum. Neben dem öffentlichen Recht beginnt jetzt der Markt diese Verpflichtung zur Arbeit zu regeln. „Lebens-Mittel“ müssen immer mehr vom Markt gekauft werden, die dörflichen Gemeinschaften, die Schwächere und sog. „Tunichtgute“ irgendwie noch mitragen, zerfallen. Städte wachsen explosionsartig, die Wirtschaft blüht.

      Seit dem neunzehnten Jahrhundert gibt es soziale Reformbewegungen, denn das Arbeits-Elend der Mehrheit ist unerträglich. Diese wollen den Unternehmen mehr an arbeitsfreier Zeit abtrotzen, die wöchentliche Erwerbsarbeitszeit also reduzieren. Diese sozialpolitischen Fortschritte werden von Gewerkschaften und den Vorgängern der heute sozialdemokratischen Parteien gefordert und auch langsam durchgesetzt. Es sind dies sozialpartnerschaftliche, nicht gesellschaftsverändernde Forderungen, denn die Tatsache der Erwerbsarbeit, die Identifikation mit dem Aggressor Arbeitspflicht, wird nicht in Frage gestellt, im Gegenteil, es wird das Recht auf Arbeit eingefordert. Mehr Lohn, mehr Freizeit, Absicherung bei Krankheit und im Alter, waren die Themen bis in die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts.

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    6. ARBEIT Teil 3:
      Recht auf Faulheit?

      Erst Paul Lafargue schafft mit seinem „Recht auf Faulheit“ 1883 einen Kontrapunkt dazu. Der Sinn von menschlichem Leben liegt nicht darin, möglichst viel und schwer und bis zum Lebensende zu arbeiten, sondern ein zufriedenstellendes Leben zu führen, ein Leben möglichst jenseits von jener Mühe und Last, die im Begriff der Arbeit drinsteckt. Ähnlich ketzerische Gedanken finden sich immer wieder in philosophischen Texten der Neuzeit auch in den Subkulturen, etwa der deutschen Reformbewegung Ende des 19. Jahrhunderts, in der Boheme, im „Beat“ in Nordamerika in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts, oder in der 68er Bewegung.

      Mehrheitlich jedoch wurde die Idee einer Gesellschaft, die in größeren Zusammenhängen und gesellschaftlichen Bereichen die Last von Erwerbsarbeit überwindet, stets ins Reich der Träume verwiesen, weit jenseits des Leistungsprinzips, ins Utopische. „Wer Visionen hat, braucht einen Arzt“, so flapsig, leistungsprinziptreu und Kapitalismus-affin reagierte vor etwa zwei Jahrzehnten der deutsche Bundeskanzler und SPD-Vorsitzende Helmut Schmidt und nach ihm dann der österreichische Bundeskanzler und SPÖ-Vorsitzende Franz Vranitzky.

      Freizeit

      Die systemkonformen Akteure, wie Gewerkschaften und Sozialdemokratie, wollten, daß mehr arbeitsfreie Zeit für die Rekreation und auch zur Kompensation jener Menschen dient, die arbeiten müssen, um leben zu können. Damit entstehen Begriff und Verständnis von »Freizeit«. Jedoch, als Freizeit in einem nennenswerten Ausmaß für die arbeitende Mehrheit in die Welt kommt, entsteht neben dem gesellschaftlichen Arbeitsregime auch ein gesellschaftliches Freizeitregime. Arbeit als Pflicht, Erfüllung, Selbstverwirklichung und Selbstverständlichkeit „alternativenlos“ und „unumkehrbar“, und Freizeit als richtige, kulturell anerkannte, sinnvolle Gestaltung der arbeitsfreien Zeit.
      Für die Arbeiterklasse statt Gasthaus, Tanz und Jahrmarkt nun klassische Lektüre, tugendhafte Freizeit und keine politischen Aktivitäten in der Freizeit. Nach zehn Arbeitsstunden am Tag finden jedoch die meisten Goethe und Schiller wenig erholsam.

      Erfolgversprechender waren die in das gesellschaftliche Freizeitregime schließlich hereingeholten Gewerkschaften und sozialdemokratischen Parteien mit Freizeitsport, Naturerleben (Wandern und Bergsteigen), sowie mit Kleingärten als Freizeitbeschäftigung. Der Nationalsozialismus führte später zusätzlich »Reisen« als Freizeit-Konsumform ein, die rasch sehr beliebt wurde und die sich bis heute ja ganz dominant erhalten hat. Übrigens: Reisen ist eine hoch konsumtive Form von Freizeitgestaltung, Wandern dagegen nicht; der Kleingarten war überhaupt ein Stück Haushaltsproduktion von Obst und Gemüse.

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    7. ARBEIT Teil 4:
      Kommerzielle Freizeit

      Spätestens ab den 60er Jahren, folgte in Mitteleuropa die kulturelle Übernahme der USamerikanischen Lebensstile, Freizeit wurde zur Konsumzeit. Die Gewerkschaften konnten im Goldenen Zeitalter wirtschaftlicher Prosperität der 60er, 70er und 80er Jahre weitere Arbeitszeitverkürzungen und sozialrechtliche Verbesserungen erreichen. Aber das Leistungsprinzip im Sinn der Arbeits- und Konsumpflicht blieb unangetastet, mehr noch: Konsum wurde zur zweiten Hälfte der personalen Identität der großen Mehrheiten. Und als einziges sozusagen systemkonformes Jenseits von Arbeit blieb die Freizeit.

      Gesellschaftliches Politikverständnis

      Ende der 80er Jahre folgt ein neuer schleichender Umbruch. Eine neoliberale Denkungsart hatte sich in der wirtschaftswissenschaftlichen Ausbildung an den Hochschulen festgesetzt. Neoliberale Ökonomie ist totalitär, denn dem neoliberalen ökonomischen Denken werden immer alle anderen gesellschaftlichen Bereiche untergeordnet. Die so ausgebildeten Ökonomen sitzen als aufstrebender Nachwuchs nicht nur in Banken, Versicherungen und Industriekonzernen, auch als Ministerialbeamte in der Administration, in den Parteien und Gewerkschaften und natürlich in Brüssel in der Europäischen Kommission.

      Marktkonforme Politik

      In den politischen Parteien und Interessensorganisationen wurde parallel dazu die klassische politische Bildungsarbeit vernachlässigt und durch die im Unternehmensbereich gängigen Methoden von Public-Relations, Marketing und markenartikelähnlicher Werbung ersetzt. Auch das war ein Ergebnis des neoliberalen Verständnisses von Arbeitsteilung und Marktreligiosität.

      Für diesen Wechsel in der Politik sind etwa die Kanzlerfiguren Blair, Schröder und Vranitzky als paradigmatisch anzusehen. Übrigens auch für die persönliche Lebenspraxis nach der politischen Phase: sie haben es sich, wie die zwei vorhin erwähnten Sozialdemokraten – typisch neoliberal könnte man formulieren – finanziell als Berater, Lobbyisten oder sonstwie zu richten verstanden. Auch eine Tragödie für die Idee der Sozialdemokratie.

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    8. ARBEIT Teil 5:
      Neoliberales Arbeits- und Konsumregime

      “Wer arbeiten kann, aber nicht will, der kann nicht mit Solidarität rechnen. (…) Es gibt kein Recht auf Faulheit”, sagte der deutsche Bundeskanzler a. D., Gerhard Schröder. Alle Menschen müssen erwerbswirtschaftlich arbeiten und sich dem marktgesellschaftlichen Leistungsprinzip fügen. Vollzeitarbeit, lebenslange Flexibilität – sprich: sich den Anforderungen „des Marktes“, also der Unternehmen fügen – und „Lebenslanges Lernen“, sowie begeisterte Teilnahme an den angebotenen Konsummöglichkeiten sind das Programm dieser Leistungsgesellschaft.

      Diejenigen, die dabei nicht mitmachen, etwa jenem Viertel der Bevölkerung, das heute Computer und Internet nicht nutzen will, wird Unwilligkeit unterstellt, sie werden als Technikverweigerer, in gewisser Weise als Saboteure etikettiert, die nicht am Fortschritt partizipieren wollen. “Even though the Internet has become a key tool for accessing services, getting an education, finding jobs, getting the news, keeping up with people you know and much more, one in five U.S. adults still does not use the Internet at all, according to a new Pew report. (…) Who are these neo-Luddites?”ii – die neuen Maschinenstürmer, Fortschritts- und Konsumverweigerer. „Kaufen ist Bürgerpflicht“ rapportieren die Zeitungen die Meinung des politischen Establishments und der Wirtschaftsforscher, denn sonst geht die Wirtschaft in die Knie. Und das darf auf keinen Fall sein, koste es was es wolle.

      Und Absturzdrohungen…

      Wer mit den Regimes nicht mitspielt, dem droht der vollständige Absturz. Hartz IV ist ein Synonym dafür, und die vielen Fernsehreportagen über diese ins Abseits geschobenen Menschen demonstrieren das dem regimekonformen Publikum, gewissermaßen als tägliche Warnung anschaulich. Das eindimensionale Denken der großen Mehrheiten kennt auch keine Alternativen zu marktvermittelter Arbeit und zur marktangebotenen, schönen Konsumvielfalt. Nur eine kleine, ganz kleine Minderheit versucht in Nischen jenseits davon zu überleben. Solange man sie noch läßt.

      Karl Kollmann ist Mitglied im Netzwerk Nachhaltige Ökonomie und lehrt an der Wirtschaftsuniversität Wien Konsumökonomie.

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    9. @ Anonym, 23.02., 13:04
      Stimmt. (Habe mich geirrt.) Das Zitat stammt nicht von Marx, sondern von Engels; der wiederum zitierte damit Hegel.
      Dennoch ging es dabei nicht um Erziehungsmethoden, sondern um die Erkenntnis, dass Freiheit „nicht in der geträumten Unabhängigkeit von Naturgesetzen“ liegt, „sondern in der Erkenntnis dieser Gesetze“.

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    10. "Dennoch ging es dabei [...] um die Erkenntnis, dass Freiheit „nicht in der geträumten Unabhängigkeit von Naturgesetzen“ liegt, „sondern in der Erkenntnis dieser Gesetze“."


      Das ist hier kein Physik-Seminar. Hier geht es nicht um Natur-, sondern um Sozialgesetze. Die werden von Menschen gemacht, die Interessen vertreten, und Wertvorstellungen haben. Letztere entstehen im Zusammenspiel mit frühen Bezugspersonen im familiären Umfeld. Gemeinhin Erziehung genannt.

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    11. @ Anonym, 24.02., 23:17

      „Das ist hier kein Physik-Seminar. …“

      Vielleicht das Beispiel zum Zitat noch mal lesen?
      Es ging um Bauern, die ihre Einsichten zur chemischen Beschaffenheit eines gesunden Mutterbodens im Sinne der Notwendigkeit verteidigen.

      „… Hier geht es um Sozialgesetze. Die werden von Menschen gemacht, die Interessen vertreten, und Wertvorstellungen haben. ...“

      Die Sozialgesetze, um die es hier geht, wurden von Menschen gemacht, die offensichtlich einzig und allein wirtschaftliche Interessen vertreten. Was nach den „Wert“-Vorstellungen dieser Interessenvertreter der Wirtschaft angeblich „notwendig“ sei, erzeugt gerade die Not, die sie angeblich abwenden will.

      Diese Interessenvertreter zerstören mit dieser Sozialgesetzgebung und dieser Wirtschaftspolitik nicht nur den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft, sondern auch unsere natürlichen Lebensgrundlagen.

      Nicht die Einsichtigen, sondern die Uneinsichtigen und Ignoranten sind persönlichkeitsdeformiert und haben sich von den Einflüssen schwarzer Pädagogik offenbar nicht befreien können, sondern setzen sie fort…

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    12. @ Anonym 25. Februar 2015 um 20:19

      Ich wäre vorsichtig mit dem Spruch: "Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit". Meines Wissens wird er gerne von Befürwortern der Hartz-Gesetze gebraucht, um die "Erziehung" von Arbeitslosen durch Sanktionen pseudophilosophisch zu legitimieren

      Die "Uneinsichtigen" sind aus Sicht der Sanktionäre die Arbeitslosen, die sich nicht dem Menschenbild und Arbeitsbegriff der Jobcentersekte unterwerfen wollen - der in ihren Augen ganz "natürlich" ist.

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    13. Sie haben Recht.

      Eine Wirtschaftstheorie, die alle Polaritäten ausblendet, die z. B. gegenwärtig laufend die Staatsschulden thematisiert – den gewaltigen Kapitalüberschuss auf der anderen Seite aber meist nicht einmal erwähnt, blendet auch den Doppelcharakter der Arbeit aus: sie sieht nur die Arbeit in quantitativer Hinsicht als Ware – der Arbeit in qualitativer Hinsicht als Wertschöpfung gegenüber stellt sie sich blind.

      In solcher einseitigen Betrachtungsweise lässt sich dann „selbstverständlich“ jeder Begriff ins Gegenteil verkehren.
      Insofern bitte ich um Entschuldigung; es war nicht meine Absicht, Verwirrung zu stiften.

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  7. Beispiel für einen Arbeitsbegriff:

    Der indische Dichter und Literaturnobelpreisträger Rabindranath Tagore sagt in seinem Gedicht an die "Mutter Erde":

    "Ich will dich anbeten mit Arbeit"

    Arbeit ist demzufolge ein (atheistischer) Gottesdienst am Leben. Ein sehr persönlicher, geradezu intimer Ausdruck von Liebesfähigkeit.

    Schwer vorstellbar, wie so etwas unter Zwang und Androhung von Strafe funktionieren soll.

    +++

    Unendlicher Reichtum ist nicht Dein, meine geduldige und traurige Mutter Erde!

    Du plagst Dich ab, die Mäuler Deiner Kinder zu stopfen, aber die Nahrung ist karg.

    Die Gabe der Freude, die Du für uns hast, ist niemals vollkommen.

    Das Spielzeug, das Du für Deine Kinder machst, ist zerbrechlich.

    Du kannst nicht alle unsre hungrigen Hoffnungen sättigen, aber sollte ich Dich darum verlassen?

    Dein Lächeln, das überschattet ist vom Schmerz, ist meinen Augen süß.

    Deine Liebe, die keine Erfüllung kennt, ist meinem Herzen teuer.

    Aus Deiner Brust hast Du uns genährt mit Leben, aber nicht mit Unsterblichkeit, darum sind Deine Augen immer schlaflos.

    Seit Menschenaltern arbeitest Du mit Farbe und Lied, und doch ist Dein Himmel noch nicht gebaut, nur eine trübe Ahnung von ihm.

    Über Deinen Schöpfungen der Schönheit liegt der Nebel von Tränen.

    Ich will meine Lieder in Dein stummes Herz gießen und meine Liebe in Deine Liebe.

    Ich will Dich anbeten mit Arbeit.

    Ich habe Dein zartes Antlitz gesehen, und ich liebe Deinen traurigen Staub, Mutter Erde.

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  8. "Das ist hier kein Physik-Seminar. Hier geht es nicht um Natur-, sondern um Sozialgesetze. Die werden von Menschen gemacht, die Interessen vertreten, und Wertvorstellungen haben. Letztere entstehen im Zusammenspiel mit frühen Bezugspersonen im familiären Umfeld. Gemeinhin Erziehung genannt."

    Vorsicht: Auch die Naturgesetze werden wenigstens teilweise von Menschen konstruiert; denn für eine Kuh, die nichts davon weiss, gibt es sie in der Form nicht. Sie wären gewissermassen immer irgendwo da, doch für einen anderen als den menschlichen Horizont quasi nicht existent (geistige Existenz).
    Soziale Gesetze wiederum sind eminent abhängig vom jeweiligen Bewusstseinsstand eines Volkes und seiner Gesetzgeber, und diese Entwicklungsstrukturen durchlaufen immer dieselbe Hierarchie, von egozentrisch zu sozio- oder ethoznetrisch zu weltzentrisch. Ich, wir, wir alle, gestaffelt nach umfassenderen Perspektiven. Das ist das objektive Kriterium dabei. Alles ist auch hier nicht so willkürlich, wie es auf den ersten Blick erscheint, sondern folgt in Grenzbereichen einem Plan.
    Physik ist also die äussere, materielle Seite dessen, die es ohne "Sozialgesetze" nicht geben könnte, nicht ohne "Bindung" und "Zusammenhalt", "Reibung" und "Stösse". Nicht ohne "Beziehungen". Und umgekehrt. Ein höchst kompliziertes Thema hoffentlich nicht zu sehr vereinfacht, und auf eine etwas RELATIV zusammenhängendere Wahrheit gebracht.

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